O3…tanzt! (2006/2007)


“O3…tanzt!” war ein fächer- und jahrgangsstufenübergreifendes Kooperationsprojekt und bildet die pädagogische und künstlerische Fortsetzung des Projekts “OZONTANZ”. Das Tanztheaterprojekt fand in Kooperation zwischen dem Lloyd Gymnasium, der Pestalozzischule, dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) und TAPST statt.

Auch in “O3…tanzt!” wurde wissenschaftliches und künstlerisches Arbeiten schul-, fächer- und jahrgangstufenübergreifend vereinigt und war zentraler Bestandteil des Konzepts. TAPST hatte in beiden Projekten die künstlerische und organisatorische Gesamtleitung.
Die ehemals 5. und jetzt 6. Klasse des Lloyd Gymnasiums, die “neuen Großen”, vermittelten den neu ins Projekt eingestiegenen SchülerInnen einer 3. Klasse der Pestalozzischule die naturwissenschaftlichen Hintergründe der Choreografie, die sie selbst im Rahmen von “OZONTANZ” erlernten. In verschiedenen AGs entwickelten sie in einer Projektwoche selbständig Lerninhalte und Vermittlungsformen für die „Kleinen“ der benachbarten Grundschule. Selbständig mussten sie sich mit folgenden Fragen auseinandersetzen:

  • Welche Lerninhalte und welches Hintergrundwissen benötigt eine 3.Klasse, um die wissenschaftliche Thematik und die Choreografie zu verstehen?
  • Wie werden diese Lerninhalte am besten vermittelt?
  • Durch die aktive Mitgestaltung übernahmen sie nach und nach die Verantwortung für das Gelingen und den Erfolg ihres Projektes. Diese Arbeits- und Vorgehensweise fand sich in keinem Buch, es gab zunächst kein falsch oder richtig, sondern immer nur die gemeinsame Suche nach besseren Umsetzungsmöglichkeiten der Ideen. Das war für die meisten Schüler neu. Sie erlebten sich als etwas Besonderes, als Forscher auf unbekannten Wegen. Sie gestalteten etwas, das es vorher noch nie gegeben hat. Das führte zu viel Motivation und Selbstbewusstsein, das mit gewachsenem Körperbewusstsein einherging. Die Schüler lernten sich und ihr „Produkt“ zu präsentieren. Der experimentelle Hintergrund der Projekte erforderte wegen der Vielzahl der zu erledigenden Aufgaben Teamarbeit in unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Das brauchte Vorstellungsvermögen, Phantasie, Intuition und Spontaneität. Sie hatten Gelegenheit eigene Ideen zu entwickeln, sie ernst zu nehmen und erlebten sich als selbstwirksam. Die fachlichen Zusammenhänge zum Thema Ozon sind quasi „für immer gespeichert“, die Herangehensweise an Naturwissenschaften waren von Neugier und kreativem Umgang geprägt.

    In den gemeinsamen Projekttagen haben beide Klassen viel gelernt. So schnell und problemlos haben sich die beteiligten Erwachsenen die Vermittlung des wissenschaftlichen Hintergrundes gar nicht vorgestellt. Die LehrerInnen und die Projektleitung waren sowohl vom Ideenreichtum der 6. Klasse, als auch von der Aufnahmefähigkeit der 3. Klasse überrascht und begeistert. Diese Peer-to-Peer Lernweise fördert die Festigung des Lernstoffes und beide Klassen profitierten von den gruppendynamischen Prozessen der Zusammenarbeit. Parallel startete die 3. Klasse mit Frau Hanfgarn eine einmal wöchentliche Tanzarbeit.
    SchülerInnen der Arbeitsgruppe Tanztraining und Choreografie der 6. Klasse kamen sporadisch in die wöchentlichen Tanzstunden mit der 3. Klasse und übernahmen dort Teile des Unterrichts und der Vermittlung der Choreografie. Mit dem Fortschreiten des Projektes konnte man eine stärkere Sensibilisierung für die Themen Ozon, Klimawandel, Umwelt und die eigene Verantwortung in diesen Fragen feststellen. In diesem Zusammenhang war die Fortsetzung des Projektes in Kooperation mit einer Grundschule von großer Bedeutung.

    Fazit:

    Was Tanz generell für SchülerInnen leisten kann: Disziplin um der Sache willen, Aufspüren kreativer Gestaltungsräume und direkte Selbsterfahrung ermöglichen. Nicht zu unterschätzen ist der Aspekt der Einbindung von MigrantInnen und sogenannten “ProblemschülerInnen”. SchülerInnen, die sich aufgrund sprachlicher oder anderer Defizite bereits aufgegeben haben, können mit kreativen Ideen und tänzerischer Kompetenz glänzen, mithin neue Motivation für Schule und Ausbildung gewinnen.

    Etappen des Projekts:

  • September 2006 bis Juli 2007 arbeiten die SchülerInnen des Lloydgymnasiums in einer neuen Kooperation mit GrundschülerInnen der Pestalozzischule weiter zum Thema “O3…tanzt!”.
  • Alle 42 SchülerInnen haben am 8. September 2007 im Rahmen einer Veranstaltung des Alfred-Wegener-Instituts zur Neumayer Station III ihre Premiere mit Präsentation von “O3…tanzt!” erfolgreich auf die Bühne gebracht.
  • Nach ihrer Premiere im September 2007 tanzten die SchülerInnen im Oktober auf dem “Bremer Ganztag” in Bremen und im November 2007 im Rahmen des Internationalen Polarjahres beim deutsch-französich-kanadischen Wissenschaftsforum in Berlin.

  • Marieke Schütte, Mitarbeiterin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung hat die Proben besucht und folgenden Bericht geschrieben:

    „Sag mal Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoff!
    O3..tanzt! in Bremerhaven Die größeren Kinder kennen sich schon gut aus. „Die waren ja letztes Jahr schon bei Ozontanz dabei“, erzählt Diplomtanzpädagogin Claudia Hanfgarn. Deshalb hat sie heute die jetzt Sechstklässler zur wöchentlichen Doppel-Tanzstunde mit den Drittklässlern dazugeholt. Sie arbeitet nur an den Projekttagen mit allen Schülerinnen und Schülern, um ihr eigentlich gutes Verhältnis zu den Lehrern nicht zu belasten. Auch seien viele Eltern sehr ehrgeizig und würden ihre Kinder zwar durch das Tanzprojekt gut gefördert sehen, dennoch sollte nicht zu viel regulärer Unterricht durch viele Probenzeiten ausfallen. Benotung spielt nicht so eine große Rolle, das Ziel sei vielmehr eine gute Vorführung am 8. September 07.
    An diesen Projekttagen – die letzten waren kurz vor und nach den Osterferien – unterrichten die 28 Sechstklässler die 18 Drittklässler. So auch heute. Nach einer kurzen Aufwärmrunde teilen sich die Schüler in drei Gruppen – Tanz, Naturwissenschafts-AG und Welt-Umwelt-Kunde-Gruppe. „Jetzt traut Euch mal!“ ermuntert eine Sechsklässlerin die Schüler der Dritten in der NAT-AG. „Ihr könnt auch zu zweit.“ Die Schülerinnen und Schüler wiederholen zusammen an bunten Plakaten, wie das mit Ozon und UV-Strahlen funktioniert. „Wer will UV-B sein?“ rufen die Sechstklässler und verteilen rote und gelbe Bänder. Ein paar Schüler verkörpern Ozonteilchen. „UV-A sind die netten Strahlen“, erklärt der Drittklässler Osman. Deshalb lassen die „Ozon“-Schüler, die „UV-A“-Schüler durch, die anderen werden geblockt. In der nächsten AG wird noch strenger abgefragt und kleine Referate gehalten. Ich lerne, dass UV-C die ganz komplizierten Strahlen sind. „Die sind nämlich gut und schlecht, daher ganz schwierig!“ so Claudia Hanfgarn. „Man merkt sich das dann besser, wenn man im Tanzprojekt war“, erzählt Björn aus der sechsten Klasse. Und dann erklärt er mir noch mal ganz genau den Unterschied zwischen UV-A und UV-B, dass die einen Strahlen gut für uns sind und uns braun machen, und die anderen uns krank machen können, Hautkrebs erregen und auch Ernteverluste verursachen. „Sag mal Fluor- Chlor- Kohlenwasserstoff!“ grinst er. Sechs Schüler der sechsten Klasse dokumentieren das Projekt. Sie schreiben fleißig mit. „Wir schreiben das alles in den Computer, die Texte kommen dann auf die Webseite“, erklärt mir einer der Jungs. Gefilmt wird manchmal auch. Filmer und Schauspieler Martin Kemner betreut die Dokumentationskinder und stellt kurze Filmclips aus dem Projekt zusammen. Für sie sei es immer total schön zu sehen, wie die Großen mit den Kleinen umgehen, sagt Tanzpädagogin Hanfgarn. Man merkt, dass viel Inhaltliches hängen geblieben ist, die Schüler kennen sich mit dem Thema Ozon mittlerweile richtig gut aus. Die Tanzbilder entstehen dabei in Zusammenarbeit. Eine Aufgabe lautet dann etwa so: „Wir sind zu zweit, müssen dreiteilig werden – wie kann man das hinbekommen?“ Die Tanz-AG wiederholt erst mal die Bewegungen aus dem letzten Jahr. Die erste ist Staccato, „also wie ein Roboter“ erklärt mir einer der Schüler und macht es vor. Dann folgen Slow Motion, die Schüler bewegen sich ganz langsam und bleiben plötzlich in ihrer Bewegung stehen. „Freeze“. Jetzt würden sich die Kinder auch schon besser verstehen, weil sie sich ja schon kennen. „Beim ersten Zusammentreffen waren die viel aufgeregter“, sagt Claudia Hanfgarn. Von Aufregung ist jetzt jedoch nichts zu spüren. Fast durchgängig arbeiten alle Kinder sehr konzentriert. Der „Peer-to-Peer“-Ansatz würde hier wunderbar funktionieren. Sie habe das vorher noch nie gemacht, aber alle arbeiten jetzt toll zusammen und helfen sich gegenseitig. Klassenlehrerin Margrit Haupenthal lacht; „Ein Kleiner von mir fragte gerade: machen wir morgen wieder Projekttage?“ Am Ende der Stunde wiederholen alle zusammen noch mal die gesamte Choreografie. Bis September sei ja schließlich nicht mehr viel Zeit.”