(T)-Raum Traumkörper (2006/2008)


Das Projekt “[T]-Raum” war Bestandteil des “Hauskonzerts”; SchülerInnen der Immanuel-Kant-Schule und der Anne-Frank-Schule haben Räume einer Wohnung in der Boschstraße 4 nach ihren Vorstellungen gestaltet und “bewegt”.

Diese Fragen beschäftigten uns:

  • Wie eignen sich Kinder die Welt an?
  • Wie entdecken sie ihre Lebensumwelt?
  • Wovon sind Kinder beeindruckt?
  • Welche Strategien entwickeln Kinder um nahe und ferne Ziele zu erreichen?
  • Was bedrückt Kinder und macht sie klein?
  • Wo zerschneiden sie das Tuch ihrer kindlichen Geborgenheit und gehen eigene Wege?


  • Diese Eingangsfragen beschreiben den Rahmen für ein doch eher philosophisches Thema, dem der “Raumaneignung” des Menschen in seiner Welt, die von Weltflucht bis Krieg immer wieder auch ungeheuerliche psychische, physische und gesellschaftliche Dimensionen annimmt.
    Kinder verlassen mit dem Beginn der Pubertät ihren “alten” Bezugsrahmen. Das Gehirn strukturiert sich um. Die Erinnerung an die “alte” Welt verschwindet. Und sie brechen in ihrer Entwicklung zu neuen Ufern auf.
    Wir haben diese Entwicklung im Rahmen des Themenateliers Tanz in Bremerhaven mit der Klasse 6a der Immanuel-Kant-Schule begleitet und konnten über künstlerische Verfahren zu einer Auseinandersetzung beitragen. Dem Lebensraum der Kinder sollte ein Bezug zum Lebensraum Schule ermöglicht werden. Partizipation in “verantworteter” Umgebung von KünstlerInnen und PädagogInnen sollte Platz finden.
    In der weiteren Zusammenarbeit mit den beiden Klassen ist der Körper als solcher in den Focus unserer Arbeit gekommen. Die Klasse war mitten im Wechsel von Kindheit zu Jugend, der Körper ist großen Veränderungen unterworfen. Wir näherten uns dem Thema indirekt und beschäftigten uns mit Körpermanipulation in Geschichte und Gegenwart, von Tattoos zu Nasenkorrekturen über eingeschnürte Füße, zu Korsetts und Piercings.


    Marieke Schütte, Mitarbeiterin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, hat die Abschlusspräsentation besucht und folgenden Bericht geschrieben (Auszüge):

    „24 Schülerinnern und Schüler im Alter von 11 bis 14 Jahren, darunter 18 aus der Immanuel-Kant-Schule und 6 behinderte Kinder aus der Partnerschule Anne-Frank haben in nur zwei Projekttagen mit Musiklehrer Jens Carstensen, Diplom-Tanzpädagogin Claudia Hanfgarn, Martin Kemner, den Klassenlehrerinnen Luise Langer und Britta Schönberg und weiteren Helfern 6 Räume eines Siedlungshauses nach ihren Vorstellungen gestaltet. In der stockfinsteren ‘Hexenküche’ tanzen vier Schülerinnen um ein flackerndes Feuer, sie tragen überdimensionale Masken aus Pappmaché und Haare aus orangefarbenen Kartoffelsäcken, mittelalterliche Musik mit (teilweise etwas irritierenden) Titeln wie ‘Death can Dance’ oder ‘Sofies Song’ erklingt dazu aus dem CD-Player. Nebenan probt die Gruppe ‘die sich nichts sagen lässt’. Einen Namen für ihren Raum haben sie nicht. Die Wände sind ebenfalls schwarz verhangen. ‘HipHop – was sonst?’ sagt Jessica, und schon geht die Vorführung los – ‘let’s get it started in here’ – und sie und zwei andere Mädchen zeigen ihre Choreografie. ‘Einen Vorschlag für eine Bewegung haben sie von mir angenommen’, sagt Claudia Hanfgarn. ‘Immerhin.’ Dann sagt sie noch, dass das tänzerische Niveau eher niedrig sei. Doch schließlich gehe es auch nicht darum, komplizierte Bewegungsabläufe zu vermitteln, sondern darum, dass die sonst sehr verschlossenen, sozial stark belasteten Kinder einen Weg finden, sich ohne Gewalt auszudrücken und auch lernen, zusammen zu arbeiten. ‘Das Tollste ist, wenn ich jetzt sehe, dass die selbstständig arbeiten’, sagt Martin Kemner. ‘Daran war am Anfang überhaupt nicht zu denken’, betont er und deutet auf ‘seine Jungs’, die gerade immer wieder versuchen, sich gegenseitig mit dem Seil hochzuziehen und dabei über die Musik und den Ablauf der Präsentation diskutieren. Dann muss er weg, denn aus dem Nebenraum ertönt lautes Geschrei und die Tür droht, eingetreten zu werden.
    Die Gruppen haben sich ganz eigenständig zusammengefunden. ‘Mädchen und Jungen träumen in diesem Alter ganz unterschiedlich’, sagt Claudia Hanfgarn. Daher gäbe es auch keine gemischten Gruppen. Die dritte Mädchengruppe hat einen Sketch einstudiert. Ihr Raum ist im Vergleich zu allen anderen sehr hell, die 50er-Jahre-Tapete zieren selbst gemalte weiße Bäume mit darauf geklebten bunten Wattebäuschen. Eine dünne Malerfolie unter der Decke bäumt sich sanft im Durchzug und knistert leise. ‘Unser Raum ist fluffig!’ erklärt eine Schülerin. ‘Dies ist ein Mädchen-Jungs-freier-Mädchenwald!’

    Das Programm am Abend sprengt dann jede Vorstellungskraft: auf der großen Bühne vor dem Haus beginnt das musikalische Programm mit einem Saz-Spieler. Im Haus zeigen die Kinder dem bunten Publikum aus Eltern, Mitarbeitern der Wohnungsbaugesellschaft, Musikern, Nachbarn und Kindern ihre Traum-Räume. Die Vorführungen haben sich im Vergleich zu gestern noch mal gesteigert. Die Mädchen im Mädchenwald haben sich besonders herausgeputzt und Nico wirbelt im Matrix-Raum gekonnt durch die Luft. ‘Der hat sich den ganzen Tag noch mal richtig reingehängt und es ist Wahnsinn, was der da macht! Einfach toll!’ freuen sich Martin Kemner und Claudia Hanfgarn. Den ganzen Abend beweist Jens Carstensen sein Talent für mutige und spontane unverwechselbare künstlerische Vorstellungen. Ein Bremerhavener Shanty-Chor begeistert vor allem die Kinder, dann folgt die Tanzvorführung von Claudia Hanfgarns Schülergruppe der Immanuel Kant Schule und der Anne-Frank Schule. Im musikalischen Programm reihen sich Rockband, Spielmannszug und HipHop-Combo aneinander und schließlich stehen alle zusammen auf der Bühne und musizieren gemeinsam. Die Japanische Trommelgruppe aus Bremen und ein Feuerwerk beschließen den tollen Abend. Jens Carstensen hat es nicht nur geschafft, an diesem Abend ganz verschiedene musikalische Ebenen zusammenzubringen, gleichzeitig zu ihrer Tanzprojektarbeit filmen die Schüler sich und die Musiker den ganzen Abend. Die Bilder vom Tag und die Live-Bilder werden zeitgleich an die Hauswand über der Bühne projiziert. So rückt Carstensen die Schüler in den Mittelpunkt und überträgt ihnen die Hauptverantwortung für den künstlerischen Prozess.“